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Verdächtige im Genom systematisch überprüfen

Die "Forschungsgruppe Gesundes Altern"

Es sind jeweils nur 21 Milliliter Blut. Aber es ist nicht irgendein Lebenssaft, der da täglich ins Institut für Klinische Molekularbiologie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein geliefert wird. Es handelt sich hierbei um drei Röhrchen Blut eines Menschen, der mindestens das 98. Lebensjahr vollendet hat.  "Hochbejahrte" - und deshalb bei Altersforschern höchst begehrte Studienteilnehmer - stellen ihr Erbgut der "Forschungsgruppe Gesundes Altern" zur Verfügung. Diese analysiert akribisch die Gene der Probanden, weil sie in ihnen den Schlüssel für die Langlebigkeit wähnt - so etwas wie das Elixier des gesunden Alterns, des langen vitalen Lebens.

"Wenn wir die Effekte einzelner, bereits verdächtiger Gene kennen, werden wir den Alterungsprozess des menschlichen Körpers besser verstehen", erläutert die wissenschaftliche Leiterin, Almut Nebel, das innovative Konzept der Kieler Altersforscher. Seit dem Jahr 2000 sind das gute Dutzend Mitarbeiter der "Forschungsgruppe Gesundes Altern" - Molekularbiologen, Ärzte, Dokumentare, Soziologen und Laboranten - mit großem technischen Aufwand und ausgeklügelter Expertise dem Geheimnis auf der Spur: Weshalb einige Menschen gebrechlich werden, ihre körperlichen Funktionen mit zunehmender Lebensdauer versagen, und gleichsam andere nahezu ohne jede Erkrankung steinalt werden.

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Das Erbgut der "Hochbejahrten" extrahieren

Versteckt ist das so aussagekräftige Erbmaterial in den weißen Blutzellen. Die DNA (Desoxyribonukleinsäure) ist auf wenige tausendstel Millimeter im Zellkern zusammengepresst. Aus rund drei Milliarden Bausteinen bestehen die Erbmoleküle einer menschlichen Zelle. Einige davon sind ursächlich für frühes Erkranken oder gesundes Altern, für die Regenerationsfähigkeit von Zellen oder den Schutz vor Verfall. Aber welche sind es genau?
Um die DNA herauszulösen, bedarf es chemischer Zusätze, Salzwasser, auch einer Zentrifuge - vieler Arbeitsschritte, bis endlich eine unscheinbare, weiß-durchsichtige Masse in einem Reagenzglas wabert.

Schatz der Wissenschaft: Deutschlands größte Biobank

Um der DNA der vitalen Alten das verborgene Wissen entlocken zu können, braucht es nur einer minimalen Blutmenge. Die daraus gewonnene DNA vervielfältigen dann Molekül-Kopierer, die so genannten PCR-Maschinen. Das wertvolle Erbgut der Probanden wird bei frostigen minus 20 Grad in gewaltigen Gefrierschränken der Kieler Biobank "popgen" gelagert. An die 3000 Proben Hochbetagter hat die "Forschungsgruppe Gesundes Altern" hier, streng anonymisiert, in den Katakomben der Uniklinik bereits archiviert - eine der weltweit größten Sammlungen ihrer Art.
Viele der vitalen Greise sind den Altersforschern aber auch persönlich bekannt. Sonja Börm, Soziologin der "Forschungsgruppe", befragt die teilnehmenden Senioren nach ihrer individuellen Lebensgeschichte. Mit speziellen Tests prüft Börm zudem geistige Beweglichkeit und körperliche Funktionen.

Ein enger Zusammenhang: Das Altern und die Zivilisationskrankheiten

Das hoch spezialisierte Team der "Forschungsgruppe Gesundes Altern" ist dem Institut für Klinische Molekularbiologie des Uniklinikums Schleswig-Holstein angeschlossen. Das erforscht vorrangig die genetischen Ursachen von Zivilisationserkrankungen, chronisch entzündlichen Prozessen, an denen zunehmend mehr Menschen erkranken - Morbus Crohn, Sarkoidose, Neurodermitis, Asthma. Rund 100.000 Blut- und Gewebeproben von Erkrankten komplettieren die Kieler Biobank "popgen", alle sorgsam archiviert von einer eigenen Dokumentationsabteilung. Das Ziel: Mit dem Verständnis der Krankheitsmechanismen irgendwann die Medizin neu definieren - weg von der Reaktion auf Fehlentwicklungen im Körper, hin zur Entwicklung kreativer Strategien der Prävention. Gesunderhaltung statt Krankheitsbehandlung, auch, um gesund zu altern. Es wäre ein Quantensprung.

Mit High-Tech auf Gen-Jagd

Im zweiten Stock des Instituts nimmt sich derweil modernste Technologie des Erbmaterials der hochbejahrten Studientilnehmer an. Roboter durchforsten dabei in kürzester Zeit das Genom Tausender Probanden nach minimalen Auffälligkeiten. Biologin Nebel und ihr Team suchen mit Hilfe der Maschinen nach jenen Genen, die sie bereits verdächtigen, für Langlebigkeit verantwortlich zu sein. Auch nach molekularen Auffälligkeiten, die bereits mit bestimmten altersbedingten Krankheitsbildern in Verbindung gebracht werden, wird gefahndet. Eine Sisyphusarbeit: 500 dieser "Kandidaten-Gene", wie Nebel sie nennt, hat die "Forschungsgruppe Gesundes Altern" bereits überprüft. Nur noch ein knappes Dutzend, die möglicherweise den Alterungsprozess verlangsamen, ist heute noch in der engeren Wahl ...