Der demographische Wandel
Wenn die Gesellschaft unaufhaltsam altert
"Bei 130 Jahren ist Schluss." Der US-Soziologe Jay Olshansky ist überzeugt, dass der menschliche Organismus länger nicht leben kann. Eine gewagte Prognose - wie so viele zur Lebensdauer des Homo sapiens bereits zuvor. 1928 hatte Olshanskys Landsmann Louis Dublin die maximale Lebenserwartung kühn auf 65 Jahre taxiert. Wer Laufzeiten des Menschen festlege, "macht selbst nur Angaben mit einer begrenzten Lebensdauer", kontert heute denn auch zutreffend der Rostocker Demograph James Vaupel die populären, aber wenig substantiierten Hochrechnungen.
Lag die Lebenserwartung des Menschen zur Mitte des 19. Jahrhunderts bei gerade mal 40 Jahren, steigt sie seither nachweislich kontinuierlich an. Heute werden in Deutschland Männer im Schnitt 75, Frauen gar über 80 Jahre alt. Die Tendenz ist ungebrochen. Generell erwarten die Altersforscher einen noch dynamischeren Anstieg der Lebenserwartung, der bisher bei drei Monaten pro Jahrgang liegt. Ob ein Grundschüler dieser Tage dann tatsächlich das Jahr 2150 erleben wird, wie der texanische Forscher Steven Austad prognostiziert, muss aber noch Spekulation bleiben.
Wer erst einmal 85 ist ...
Ab dem 30. Lebensjahr erhöht sich die Sterbewahrscheinlichkeit signifikant, verdoppelt sich im Weiteren etwa alle acht Jahre. Doch ab dem neunten Lebensjahrzehnt wird die Zunahme der Mortalitätsrate dann auffallend abgebremst. Heißt: Hochbejahrte altern langsamer.
Eine konsistente Erklärung für diesen erstaunlichen Befund kann die Altersforschung noch nicht liefern. Es muss wohl die von der "Forschungsgruppe Gesundes Altern" in den Fokus genommene genetische Konstitution sein, die den vitalen Senioren ab 85 aufwärts dann auch weiterhin ein gesundes Altern beschert.
Ähnliches belegen Zahlen der noch Älteren, der Hundertjährigen: Bei neun von zehn Männern dieses Alters kommt es nie oder erst sehr spät zum Ausbruch von schweren altersbedingten Erkrankungen wie Herzleiden, Schlaganfall oder Krebs. Dies gilt auch für 83 Prozent der hundertjährigen Frauen.
Das lebensverlängernde Geschlecht
Generell erreichen deutlich mehr Frauen als Männer ein Lebensalter von 100 Jahren. Bis zu 85 Prozent der Hundertjährigen sind weiblichen Geschlechts. Sie sind, haben die Altersforscher herausgefunden, dann aber meist nicht so gesund wie die ebenso alt gewordenen Männer. Frauen sind offenbar resistenter gegenüber altersbedingten und lebensverkürzenden Krankheiten, aber ihre Morbidität nimmt - wahrscheinlich ob hormoneller Konstitution und vergleichsweise geringerer Muskelmasse - mit dem Alter auffallend zu. Kurz: Frauen werden deutlich älter als Männer. Allerdings sind Männer, so sie denn das fortgeschrittene Alter erst einmal erreicht haben, weniger gebrechlich und hilfsbedürftig.
Wohlstand, Hygiene und moderne Medizin sind lebensverlängernd
Neben den Erbanlagen haben Lebensbedingungen und Umweltfaktoren weit reichenden Einfluss auf die Lebenserwartung. Denn die Altersforscher können belegen, dass sich gerade in den Industrienationen der Horizont der menschlichen Existenz zusehends erweitert. Seine Ursachen hat diese Entwicklung in medizinischen Fortschritten, die für weite Teile der Bevölkerung auch erreichbar sind, in verbesserter Hygiene und möglicherweise gesünderen Ernährungsgewohnheiten. Auch der persönliche materielle Wohlstand soll bedeutsam sein. Diese Faktoren sind beispielsweise durch die Entwicklung der Lebenserwartung in der ehemaligen DDR belegt. Lag diese zu Zeiten der deutschen Teilung beständig deutlich unter jener im Westen, hat sich die Lebenserwartung nach der Wiedervereinigung in den neuen Bundesländern kontinuierlich erhöht und heute der im Westen angepasst.
Die deformierte Alterspyramide als Herausforderung des 21. Jahrhunderts
Oft schwinden im Alter Lernpotential, Wohlbefinden und Zufriedenheit. Einhergehend mit der sinkenden Geburtenzahl steigt in Deutschland der Anteil der älteren Einwohner an der Gesamtbevölkerung beständig. Die Alterspyramide wird zum Pilz, mit schmalem Fuß und breiter Krempe. 2050 wird wohl rund ein Drittel der Bundesbürger älter als 65 Jahre sein. Fast die Hälfte der Menschen im Rentenalter hat dann sogar bereits das 80. Lebensjahr vollendet. Eine Tendenz, die auch international bestätigt wird: Der Weltbevölkerungsbericht 2007 der Vereinten Nationen geht für die Mitte des Jahrhunderts von einer "Verdreifachung der 60-Jährigen" aus, zwei Milliarden Menschen sollen dann über 60 Jahre alt sein.