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Von der Blutspende bis zur Analyse

Wie ein Erbmolekül zum Forschungsobjekt wird

Wenn Sonja Börm und Kerstin Milbradt mehrmals pro Woche Senioren aufsuchen, die an die hundert Jahre alt sind, besuchen die Soziologin und die Krankenschwester nur selten Alten- und Pflegeheime. Die meisten ihrer hochbejahrten Gesprächspartner treffen die Mitarbeiterinnen des Kieler Uniklinikums zu Hause, eine 96-Jährige bot gar eine Zusammenkunft bei ihrem wöchentlichen Tennismatch an.

Luise V. begrüßt Sonja Börm und Kerstin Milbradt im Fahrradgeschäft in einer Kleinstadt im Norden von Schleswig-Holstein. Das Unternehmen hat die 98-Jährige nach Ende des 2. Weltkrieges gegründet und bis vor ein paar Jahren geleitet. Heute führen ihre Enkel den Betrieb. Aber auch Luise V. ist noch täglich im Laden. "Nur an den Computer lassen sie mich nicht ran. Da haben die jungen Leute immer Angst, dass da was abstürzt, so nennt man das wohl", ist sie amüsiert, als sie in die Mittagspause geht.
Hier setzt sich Luise V. mit Sonja Börm und Kerstin Milbradt zusammen, beantwortet geduldig Fragen der Soziologin nach den Bedingungen ihres langen Lebens, absolviert mit Bravour leichte körperliche und auch Konzentrationstests. Kerstin Milbradt nimmt der rüstigen 98-Jährigen dann Blut ab.

Der Dreiklang des vitalen Alterns: Umwelt, Lebensbedingungen - und die Gene

Zurück in Kiel wird der Fragebogen mit dem Lebensverlauf von Luise V. ausgewertet. Man geht heute davon aus, dass die individuellen Lebensbedingungen ebenfalls relevant für die Art des Alterns sind, genauso wie Umweltfaktoren. Und eben die genetische Konstitution, auf der aktuell der Fokus der Wissenschaftler weltweit liegt. Die Kieler "Forschungsgruppe Gesundes Altern" arbeitet bereits an der Identifizierung von Langlebigkeitsgenen - oder zumindest solchen Auffälligkeiten im Erbgut, die für die lebensverkürzende Erkrankung an Krebs, Schlaganfall oder Diabetes verantwortlich gemacht werden können.

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Datenschutz: Keine Person zum Blut

Kerstin Milbradt liefert das Blut im Labor des Instituts für Klinische Molekularbiologie ab. Nachdem sie zuvor noch dafür gesorgt hat, dass die Probe keiner Person mehr zuzuordnen, d.h. vollständig anonymisiert ist. Die Arbeit mit dem sensiblen Erbmaterial wird vom Datenschutzbeauftragten streng überwacht.
Die Altersforscher selbst brauchen aber auch keine Person zum Blut. Die Wissenschaftler sehen nicht einmal die Proben. Sie wollen nur das reine Erbgut, die DNA im Kern der weißen Blutzellen.
Bevor die Forscher aber daran kommen können, treten Ilona Urbach und ihre Medizintechnikerinnen im Labor in Aktion: Sie lösen die Erbsubstanz aus dem Blut heraus. Wärmebäder, Chemie, Salzwasserduschen und eine Zentrifuge setzen der Zelle so zu, dass sie die DNA schließlich freigibt. Ein weißlich-durchsichtiges Gekräusel dümpelt jetzt am Boden eines Reagenzglases.
Dafür brauchen die Laborantinnen nur eine geringe Blutmenge. Der überwiegende Teil der wertvollen Probe wird für die Nachwelt archiviert: in der sogenannten Biobank, einer Ansammlung mächtiger Gefrierschränke mit inzwischen mehreren tausend Gewebe- und Blutproben von auffallend alt gewordenen Menschen.

Genetik - oder wie man Texte mit nur vier Buchstaben richtig liest

Nun wird die DNA von Luise V. - und inzwischen 3000 anderen vitalen Alten - bis ins kleinste Detail durchleuchtet. Die Bioinformatiker des Instituts für Klinische Molekularbiologie haben gewaltige Analyseroboter programmiert, Forschungschefin Almut Nebel und ihr Team suchen in dem Datenwust nach bestimmten Genen oder auch nur Varianten davon, die Einfluss auf die Lebenserwartung haben könnten. Die High-Tech-Maschinen können in einem Durchgang Hunderte von Proben präzise analysieren.
Den Forschern liefern sie dann endlose Buchstabenkolonnen, bestehend nur aus T, A, G und C - das Genom setzt sich aus den chemischen Bausteinen Thymin, Adenin, Guanin und Cytosin zusammen. Diese einfach anmutenden Lebenstexte studieren Nebel und ihre Kolleginnen Friederike Flachsbart und Rabea Kleindorp akribisch. Die Genetikerinnen fahnden nach Buchstaben-Kombinationen, die verborgene Botschaften enthalten könnten. Vielleicht sind es Bauanleitungen für spezielle Proteine, Auslöser ungewöhnlicher Signalwege für andere Gene, oder es ist ein seltener biochemischer Befehl, der sich dahinter verbirgt. Vielleicht einer, der erklärt, warum sich bei manchen Menschen mehr Plaques in den Adern ablagern oder wie freie Radikale besonders effizient unschädlich gemacht werden?
Nebel, Flachsbart und Kleindorp werden so lange in den molekularen Lebenstexten lesen, bis sie jene Gene identifiziert haben, die Luise V. und den anderen vitalen Alten das lange, gesunde Leben geschenkt haben.